Deutschlands gestrige Niederlage gegen Argentinien sorgt auch beim größten Optimisten für Ernüchterung. Der WM-Titel scheint so weit entfernt wie noch nie. Aber ist die deutsche Mannschaft wirklich so schlecht?

Cacau, Podolski und Gomez waren nicht die Einzigen, die nach dem Spiel gegen Argentinien enttäuscht waren (Bild: Imago)
Das war es. Wer jetzt noch davon spricht, die deutsche Nationalmannschaft könnte bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika um den Titel mitspielen, läuft Gefahr direkt in die geschlossene Anstalt übersendet zu werden. Immerhin hat Jogis Elf gestern gegen Diegos argentinischen Rennpferde nicht den Hauch einer Chance gehabt. Jeder Spieler aus Maradonas Mannschaft wirkte irgendwie schneller, größer, stärker – schlichtweg besser – als die bemitleidenswerten elf (zwölf, dreizehn) deutschen Spieler in ihren schwarzen Trikots. Der Untergang der Welt-Fußballmacht Deutschland steht bevor.
Flüge und Hotelbuchungen sollten schleunigst storniert werden. Man kann dieses Geld besser direkt verbrennen, anstatt sich ab Juni im fernen Südafrika von der Fußballwelt veräppeln zu lassen. Hoffnung? Fehlanzeige. Denn nach dem Spiel gegen Argentinien kündigte Löw bereits an, dass sein Gerüst für den WM-Kader bereits stehe. Beziehungsweise bereits auf dem Platz stand. Klose und Podolski sind also gesetzt, egal ob sie bis zum Sommer weiter nach ihrer Form suchen. Das Gottvertrauen des Trainers reicht schon aus, um aus einem bodenlosen Formtief eine leuchtende Leistungsexplosion zu machen. Hat ja bisher immer geklappt. Stichwort: Turniermannschaft. Irgendwie wird das irgendwann schon irgendwo hinhauen.
Der Angriff blockiert wie ein Bahngleis
Aber mal im Ernst: Stehen wir wirklich einen Schritt vor dem Abgrund? Fakt ist, dass die deutsche Mannschaft gestern eine fußballerische Lehrstunde erhalten hat. Argentiniens taktisches Verhalten war nahezu fehlerfrei. Da wurde verschoben wie im Terminkalender von Joseph Ackermann und gepresst wie im Kreissaal. Schulnote: Eins mit Sternchen. Aber auch die deutsche Mannschaft stand defensiv sicher. Nun gut, ein Dribbling von Zé Maria erschütterte die deutsche Festung gehörig und auch Adlers Ausflug war unschön. Das Ergebnis kennen wir. Doch alles in allem war das ordentlich. Was allerdings Sorgen macht, ist das Spiel nach vorne. Entweder fehlt unseren Protagonisten im Angriff der Mut (Özil, Müller), die Form (Podolski, Klose) oder das letzte Fünkchen Überzeugung in die eigene Leistungsfähigkeit (Gomez).
Die deutsche Mannschaft wirkte offensiv so blockiert wie ein Bahngleis in Gorleben. Auch in punkto Ballsicherheit zeigte Argentinien ein Lehrstück. Dass Messi, Zé Maria und Veron Virtuosen am Ball sind, war allen klar. Dass aber auch Zuchtbullen wie Gutierrez und Walter Samuel einen Ballmagnet im Fuß haben, lässt neidische Blicke zurück. Podolskis Fehlpassquote, Boatengs Larifari-Abspiele und Özils Sicherheitsquerpässe bilden die Antipoden zu den ballstreichelnden und –absichernden Gauchos.
Die Weltelite ist enteilt
Wo stehen wir also? Diese Frage ist auch nach diesem Test gegen einen WM-Mitfavoriten nicht endgültig zu beantworten. Die schlechte Nachricht vorweg: Ganz oben sind wir nicht. Wer Argentinien, Spanien und Brasilien in seinen Tests gesehen hat, der weiß, dass die Weltelite der deutschen Mannschaft momentan so weit enteilt ist Usain Bolt seinen Sprintkollegen im Finallauf der olympischen Spiele. Dennoch ist nicht alles schwarz, was nicht glänzt. Die deutschen Spieler wissen jetzt, wo sie ansetzen müssen. Jogi Löw und seine Betreuerstab werden die gestern gemachten Notizen genau im Auge behalten und ihr Kader-Gerüst hoffentlich mit an den richtigen Stellen verstärken. Solange müssen wir einfach warten und glauben, dass der Mythos Turniermannschaft greift. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.
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