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Der ewige Winter

Der zwanzigste Spieltag der Bundesliga und immer noch kein T-Shirt Wetter? Das schlägt so manch einem nachhaltig aufs Gemüt. Wie sich die Heiß- und Kaltblüter der Liga in dieser unwegsamen Situation schlagen, lest ihr hier in der Spieltagszusammenfassung.

Im Schneegestöber: Auch in Frankfurt behinderte die weiße Pracht ein ordentliches Spiel (Bild: Imago)

Im Schneegestöber: Auch in Frankfurt behinderte die weiße Pracht ein ordentliches Spiel (Bild: Imago)

Es reicht. Was bis vor kurzem noch der endlich erfüllte Wunsch nach einem richtigen Winter war, ist nun der Hoffnung auf das monotone Frühjahrsgrau gewichen. Die Romantik der ersten Tage scheint verflogen und es kommt mehr und mehr die Erkenntnis, dass der neue Lebenspartner aus der Tundra vielleicht doch nicht die beste Wahl war. Auch sportlich verstummen die Jubelstürme auf die arktische Witterung, ausgelöst durch die Illusionen des kampfbetonten Fußballs auf widrigem Geläuf und der Nostalgie der Bälle in Orange. Viel greller präsentieren sich nun die Schattenseiten: Die Absagen in der 3. Liga, die Kopfschmerzen, die automatisch bei längerer Betrachtung des Potpourris aus Schneegestöber, Neon-Schuhen und der hilflosen Suche nach dem Ball entstehen, oder die Tatsache, dass die Bayern seit Wintereinbruch nur noch am gewinnen sind.

Wenn man zudem Anhänger des SV Werder Bremen ist, ist der Winterblues komplett. Im Dezember letzten Jahres gab es sicher nicht wenige Fans, die der Mannschaft einen Dämpfer wünschten, um nach 23 unbesiegten Spielen in Folge nicht gänzlich abzuheben. Doch statt wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen, sind die Bremer gerade dabei in ein Loch zu fallen, das seit Höhlenforscher Felix Magath niemand mehr im Blick hatte. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, für den 20. Spieltag kann man sie jedoch auf eine nicht vorhandene Defensivleistung und den Gladbacher Neuzugang Raul Bobadilla begrenzen.

Letzterer demütigte die hanseatischen Abwehrrecken ein ums andere Mal und krönte seine Leistung in Hälfte Eins mit seinem zweiten Treffer zum zwischenzeitlichen 4:1, bei dem er sogar dem sonst im Strafraum kompromisslosen Tim Wiese, wie einen zahnbespangten Teenager beim Abschlussball wirken ließ. Der Klammer gerade so entwachsen, war auch Jungspund, Marin-Double und Shootingstar Marco Reus mit seinem Führungstor maßgeblich am Erfolg der Fohlen beteiligt, der trotz Unpässlichkeiten in der eigenen Abwehr hoch verdient über die Zeit gebracht wurde.

Hankes Revanche

In Hannover muss man indes kein Meteorologe sein, um den härtesten Winter seit Jahren zu prognostizieren. Das, was die Leinestädter momentan auf dem Platz anbieten, hat mit Fußball so viel zu tun, wie RTL mit Qualitätsfernsehen. Gegen den direkten Abstiegskampfkonkurrenten aus Nürnberg, hätte mit einem Sieg das Polster auf sieben Punkte erhöht werden können. So trennt sie nur noch ein Punkt vom 17. Tabellenplatz. Vor dem Spiel hatte Ex-Nationalspieler und Rasenallergiker Mike Hanke noch großspurig mit dem Säbel gerasselt und einen Sieg gegen den neuen Verein seines ehemaligen Trainers Dieter Hecking angekündigt. Seine Umsetzung auf den Platz, ein paar Alibi-Schüsse und viel Dahergetrabe, legen jedoch einen Wechsel zu einer Sportart fern der reizenden Grasnarbe nahe. Aber bei all der Schelte für den Niedersächsischen Hühnerstall muss man auch dem sprichwörtlichen Fuchs im selbigen Tribut zollen. Die Franken bestachen mit hervorragend heraus gespielten Toren, die allesamt dem Schweizer Topscorer Albert Bunjaku zugeschrieben werden dürfen. Das Konzept, sich in der Winterpause an den Ersatzteillagern der Titelkandidaten zu bedienen, scheint sich nach dem ersten Sieg seit sieben Spieltagen bereits auszuzahlen.

Magerkost und Augenkrebs

Auch Berlins Manager-Novize Michael Preetz schien unter „Wintertransfer“ in Dieter Hoeneß Manager-Almanach nachgeschlagen zu haben, stellte er im Januar doch mit Theofanis Gekas und Levan Kobiashvili, zwei gestandene Bank- und Tribünenwärmer erster Güteklasse vor. Nach dem anfänglichen Sieg in Hannover wurden aber nun gegen Bochum wieder wichtige Punkte liegen gelassen. Dabei war die Hertha zwar wieder tonangebend, bewies spielerisch hingegen, warum die Heimspiel-Karten bei Lidl an der Kasse und nicht im KaDeWe unter der Ladentheke erhältlich sind. Die Gegner aus dem Kulturhauptstadtsgebiet gaben freilich auch keine fußballerische Feinkost ab, entschuldigten jedwedes Leistungstief  aber schon prophylaktisch durch ihre Trikotwahl. Dass gestandene Fußballer wie Christoph Dabrowski dazu gezwungen werden, ihre Malocherkörper in magentafarbene Leibchen zu zwängen, ist mit dem Wort Demütigung noch euphemistisch umschrieben. Neben dem Testosteronspiegel der Spieler, leidet auch der gemeine Zuschauer vor dem Fernsehschirm, der neben besagtem Schneetreiben, orangefarbenem Ball und dem widerwärtigen Fußkleid so manch eines Profis, nun zusätzlich die konfus umherirrenden Werbeträger mit ansehen muss.

Ein Torschuss und zwei Tore

Ein so breites Spektrum, wie die Farbpalette der Bochumer Trikotdesigner, durfte man fußballerisch beim Duell Köln gegen Frankfurt nicht erwarten. Auf der einen Seite die Eintracht, deren Coach Skibbe regelmäßig die eigenen Offensivqualitäten voller Larmoyanz abspricht, und auf der anderen Seite der FC, der auf das Fehlen dieser Qualitäten gar nicht mehr öffentlich hinweisen muss. Nichtsdestotrotz durfte auch diesen Spieltag wieder darüber gestaunt werden, wie die Geißböcke mit nur einem Torschuss ein Spiel 2:1 gewinnen können. Besagter wurde von Oberdiva und Haarbandmodel in Personalunion, Maniche, stilecht mit dem Außenrist zum Führungstreffer abgegeben. Immerhin gelang dem Frankfurter Chris noch der zwischenzeitige Ausgleich, die Kölner ließen sich davon aber nicht einschüchtern. Vielmehr antworteten sie ganz im Stile einer Spitzenmannschaft mit einem forcierten Eigentor durch den hessischen Defensivmann Russ. Insgesamt summiert sich das Offensivfeuerwerk der Kölner auf 10 Tore aus den letzten 4 Spielen – mehr als in den ersten 16 Spielen der Hinrunde zusammen. Im Gegensatz zu den eigentlich klimaerprobten Nordlichtern, scheint den Heißblütern vom FC, der Winter also nicht zu beeinträchtigen. Ganz im Gegenteil erklärte Stürmer Adil Chihi im Interview nach dem Spiel die Leistungssteigerung tautologisch: „Ich hab immer gesagt, wenn der Knoten platzt, dann platzt er. Und in der Rückrunde platzte er.“


31. Januar 2010 , 14:29 Uhr

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