Karim Benzema gilt als einer der besten Stürmer der Welt. Bei Real Madrid versauert der 22 Jährige allerdings  derzeit auf der Bank. Auch gegen seinen alten Klub Lyon wird er heute Abend nur auf eine Einwechslung hoffen können. Wir stellen euch den bulligen Franzosen genauer vor.

Ein ungewohntes Bild: Karim Benzema sitzt bei Real Madrid derzeit nur auf der Bank (Bild: Imago)
Es gehört zu den schönen Traditionen der meisten Fußballmannschaften, dass Neuankömmlinge sich zum Einstand in gewisser Weise bloßzustellen haben. Das Stuhlsingen beim FC Chelsea ist beispielsweise legendär. Keiner bleibt verschont. So musste auch Michael Ballack bei seinem Antritt in London auf einen Schemel steigen und trällern. Er entschied sich für den Peter Cornelius-Kracher „Du entschuldige I kenn di“. Bei den Bolton Wanderers müssen sich die Neuen auf umgebauten Go-Karts durch einen Parcour schlängeln. Sie sitzen dabei auf Toiletten-Sitzen. Der Name des Spaßes: Toilet Racing. Die Engländer sind ein wenig irre, das ist längst bekannt, doch sind sie nicht die einzigen, die ihre neuen Spieler mit seltsamen Ritualen überraschen.
Januar 2005: Der gerade 17-jährige Karim Benzema betritt die Kabine des französischen Erstligisten Olympique Lyon. Sein Ruf eilt ihm voraus, gilt der Jungspund mit algerischen Wurzeln doch als eines der größten Talente des französischen Fußballs. Dass sorgt zwar bei den gestandenen Spielern Olympiques noch keinesfalls für Zähneklappern, sie haben schon viele kommen und gehen sehen. Dennoch wollen die Platzhirsche Eric Abidal, Sylvain Wiltord, Juninho, Michael Essien, Florent Malouda und Sidney Govou es dem schüchternen Benzema nicht allzu leicht machen. Er muss heute das Initialisierungsritual von Trainer Paul Le Guen durchlaufen und vor der versammelten Mannschaften eine kleine Antrittsrede halten. Der schüchterne Benzema stammelt ein paar Worte, die immer wieder vom Kichern und Giggeln der Alt-Eingesessenen unterbrochen werden. Zum Schluss bringt er sie allesamt zum Schweigen und sagt trocken: „Euch wird das Lachen schon noch vergehen, denn ich bin hier, um Euch den Stammplatz streitig zu machen!“
Der Stern heizt sich auf
Am darauf folgenden Spieltag wird Benzema gegen den FC Metz in der Schlussphase das erste Mal in der Liga eingesetzt. Mit seiner ersten Ballberührung bereitet er den 2:0 Endstand vor. Sein Stern geht langsam auf. Im Land des Rotweins und Baguettes war Benzema bis dahin aber schon lange kein Unbekannter mehr . In Frankreichs U-17 schoss er in 18 Spielen 14 Tore, in der nächst höheren Altersklasse traf er fünf Mal - bei zehn Einsätzen. Doch es ist eines der Qualitätsmerkmale der französischen Jugendausbildung, dass sie ihre jugendlichen Überflieger behutsam aufbaut. Benzema wird in seinen ersten beiden Profi-Jahren lediglich 18 Mal eingewechselt, schießt dabei sogar ein Tor.
Lyon kann sich den Luxus erlauben, diesen ungeschliffenen Rohdiamten auf der Bank zu behalten. Die Offensive ist mit Juninho, Gouvou, Wiltord, dem Brasilianer Fred und dem Norweger John Carew überragend besetzt. Benzema, den seine Mannschaftskollegen längst Bingbenz nennen, arbeitet ruhig weiter. Er weiß, dass seine Chance kommen wird. Unzählige Sonderschichten sollen seine Drohung aus dem Januar wahr machen. In der Saison 2006/07 heizt er sich weiter auf, bis er dann ein Jahr später explodiert wie eine Supernova.
Ruhig wie eine Stadtbibliothek bei Nacht
Benzema tankt sich Woche für Woche durch die Abwehrreihen wie ein Bulldozer. Vor dem Tor bleibt er ruhig wie eine Stadtt-Bibliothek bei Nacht. Er wird Torschützenkönig der Ligue 1, anschließend auch noch zum Spieler der Saison gewählt. Er ist nicht mehr nur eine Alternative, er ist der zentrale Mann in Lyons Angriff. Frankreichs Presse überschlägt sich mit Lobeshymne auf den bulligen Jungen, mit dem Millimeter-Haarschnitt und dem verschmitzen Lächeln. Man ist sich sicher, Bingbenz vereint alle Qualitäten französischer Weltklasse-Angreifer auf sich.
Und ganz falsch liegen sie damit nicht: Benzema ist in seinen Anfangsjahren so treffsicher wie David Trezeguet zu seinen Glanzzeiten, er hat einen Turbolader im Oberschenkel wie der junge Thierry Henry und die lässige Abgebrühtheit eines Nicolas Anelka. Er ist Lyons und damit Frankreichs Superwaffe. Dabei wird Benzema, ob seiner zurückhaltenden Art, auch noch mit dem König des französischen Fußballs, Zinedine Zidan, verglichen. Beide haben algerische Wurzeln, beide scheuen die Öffentlichkeit. Müssen sie in eine Kamera sprechen, dann nuscheln sie meist so lange, bis selbst der hartgesottenste Journalist die Segel streicht. Benzema lässt die Euphorie um seine Person nicht an sich heran. Er wohnt lange mit seiner Mutter unter einem Dach. Das gibt ihm Halt in einer Zeit, in der der kleine Karim, wöchentlich mit einem neuen Superlativ behangen wird. Im Folgejahre wird er die tragende Stütze beim französischen Abonnement-Meister Olympique Lyon. Längst ist klar, dass Lyon nicht Benzemas Karriere-Endstation sein wird.
Das Sahnehäubchen für den Baumogul
Als Florentino Pérez im Sommer 2009 erneut zum Präsidenten von Real Madrid gewählt wird, ist es soweit. Der Bau-Mogul krönt seine königliche Transferoffensive mit dem Sahnhäubchen Karim Benzema. Kostenpunkt: 35 Millionen. Peanuts für einen Mann, der zuvor bereits über 150 Millionen für Cristiano Ronaldo und Kaká ausgegeben hatte. Welche Last diese Summe für den sensiblen Benzema werden könnte, spielte keine Rolle.
So zog es Bingbenz also weg, aus der behüteten Heimat, von seiner Familie, aus seinem sicheren Umfeld, in dem er gerade erst begonnen hatte richtig aufzublühen. Seine neue Heimat sollte die glitzernde Millionenstadt Madrid werden. Hier geht alles schneller, schillernder und dramatischer zu, als im schläfrigen Osten Frankreichs. Seine anfänglichen Startschwierigkeiten wurden unter der Kategorie „Eingewöhnungsphase“ abgetan. Doch Bigbenz kommt bei den Königlichen einfach nicht ins Rollen. Mittlerweile ist er hinter dem Argentinier Higuain, dem strahlende Ronaldo und Dauerbrenner Raul nur noch die Nummer vier im Sturm. Seit fast einem Monat wartet er auf einen Einsatz im weißen Trikot.
Treffen mit alten Bekannten
Heute Abend trifft Benzema mit seinem neuen Klub auf seine alte Liebe. Und auch in Lyon haben sich die Zeiten geändert. Um die Meisterschaft müssen der Serienmeister mittlerweile richtig kämpfen. Die Altmeister Juninho, Wiltord, Abidal, Essien und Maluoda sind genauso genagen wie zuletzt Benzema. Nur einer aus dem Januar 2005 ist noch immer da: Sidney Gouvou, mittlerweile Kapitän, spielt noch immer im Angriff von Olympique. Wenn er die Zeit findet, wird er heute Abend mal einen Blick auf Reals Bank werfen. Dort wird er dann Karim Benzema finden, den traurigen Bullen, den sie momentan nicht mehr mitspielen lassen. Er hat Gouvou einst den Stammplatz streitig gemacht. Nun ist es an Benzema auch bei Real sein Zeichen zu setzen.
Kommentare
Kommentar abgeben