Die Auswärtsfahrt gleicht einem Martyrium. Von der Polizei eingepfercht, ist man im Mikrokosmos des Gästeblocks über 90 Minuten all den kulturellen Eigenheiten der Heimmannschaft ausgeliefert. Wie es den Auswärtsfans am 21. Spieltag ergangen ist, lest ihr hier in der Spieltagszusammenfassung.

Marcell Jansen traf auch gegen Köln. Derzeit klopft er an Tür zur Nationalmannschaft (Bild: Imago)
Als Hamburger hat man es in Köln ohnehin schon schwer: Kein Bier, keine Elbe, keine Ruhe. Ist außerdem gerade noch fünfte Jahreszeit, muss es schon triftige Gründe geben, den weiten Weg die A1 abwärts anzutreten. Für etwa fünftausend Nordlichter schien ein Auswärtsspiel im RheinEnergieStadion genau unter diese Kategorie zu fallen – nach 90 Minuten blieb den meisten Fans aber nur noch der Griff zum schalen Kölsch, um den Trip doch noch etwas zu retten.
Zunächst verlief alles nach Plan, als der überragende Marcell Jansen bereits nach zwei Minuten zu seinem ornithologisch wertvollen Torjubel ansetzten durfte. Das Kölner Team, das in der Hinrunde bei diesem Spielverlauf schon längst die Segel gestrichen hätte, ließ sich aber nicht davon beeindrucken, sondern entwickelte in der Folge sogar so etwas wie Torgefahr, die schließlich in der 31. Minute in den Ausgleichstreffer von Kapitän Mohammad mündete. Dieser bedeutete zudem, dass der Stadion-DJ endlich die Tormusik zur Karnevalszeit auflegen durfte: Poppe, Kaate, Danze von den Brings. Gerade als bei den Hamburgern nach diesem Kulturschock erste Zweifel ob der Lohnenswertigkeit ihrer weiten Reise anflogen, bereitete auf der anderen Seite der gebürtige Mönchengladbacher Jansen den erneuten Führungstreffer vor.
Angst vor derRothosenviertelstunde
Kurz nach der Pause erhöhte Petric mit seinem zweiten Treffer gar auf 3:1 – bis in der 75. Minute bange Blicke aus dem Gästeblock folgten: Die Rothosenviertelstunde war angebrochen. Bereits sieben Mal musste Hamburgs Chef-Lokomotivführer Frank Rost in den letzten 15 Minuten hinter sich greifen, und auch am Samstag gelang es ihm nicht, mit der Tradition der Hinrunde zu brechen. Zwei weitere Torjubelpausen mussten die hanseatischen Fans die Klänge der schmerbäuchigen Karnevalisten über sich ergehen lassen, bis der Schlusspfiff den Anhängern Erlösung und den Kölnern einen verdienten Punkt brachte.
Sinsheimer Motivationskunst
Von so viel rheinischer Stadionkultur kann der TSG Hoffenheim nur träumen. Als Torsong läuft hier kein tief verwurzeltes Kulturgut, sondern der Kraichgauer Kirmesschlager „Was wollen wir trinken…“. Unter dieser Voraussetzung dürfte die andauernde Torflaute bei den Fans im Stadion vielleicht nicht nur als negativ aufgefasst worden sein. A diesem Spieltag war jedoch Hannover zu Gast, gegen die es in der aktuellen Form schwer fällt, keinen Torjubel erschallen zu lassen. Nach knapp 40 Minuten war das Spiel dann auch schon gelaufen. Die Mannen um Rhein-Neckar-Ronaldinho Carlos Eduardo brauchten nur zwei Mal die Leistungsfähigkeit vergangener Tage aufblitzen zu lassen, um in Folge mit einer 2:0 Führung im Rücken die Leinestädter zu kontrollieren. Zwar sorgten auf der anderen Seite Hannovers Neuzugänge Elson und Koné für mehr Torgefahr als zuletzt, aber der Anschlusstreffer zum 2:1 blieb ein Strohfeuer.
Fromlowitz ist nicht zu beneiden

Florian Fromlowitz ist derzeit nicht um seine Aufgabe bei Hannover zu beneiden (Bild: Imago)
Einen unangenehmeren Job als der junge Keeper der Roten, Florian Fromlowitz, hat momentan wohl nur der Finanzminister Griechenlands: Unter der Woche öffentlich durch die Mühen des Managements um einen neuen Stammtorhüter demontiert, hielt er gegen Hoffenheim dennoch was zu halten war und verhinderte sogar ein erneutes Eigentor des Jahres durch Mannschaftskollegen Pinto.
Sein Coach Mirko Slomka wusste es ihm sicher zu danken, lässt sich aus seinem Traineramt ansonsten momentan eher wenig Positives bilanzieren. Während sich sein ehemaliger Mentor, Ralf Rangnick, den Medien als heroischer Sieger präsentieren durfte, konnte der Hannoveraner Übungsleiter nur wieder seine Durchhalteparolen predigen, die eine erkennbare Nähe zu dem Stadionsong der Hoffenheimer aufwiesen: “Wir halten zusammen, keiner kämpft allein; wir gehen zusammen, nicht allein“.
Nebelhorn und Nieselprim
Friedhelm Funkel einen Hang zur Rummel-Lyrik zu unterstellen, wäre vermessen. Dennoch betet auch der Hertha-Coach Spieltag für Spieltag sein Mantra des Nichtabstiegsplatzes herunter, wie ein Schlagersänger seine Refrains schmettert. Gleichfalls sprach er nach der 1:2 Niederlage gegen Bremen von einer guten Leistung seiner Mannschaft und verdammte die Mannschaft dazu, dann am nächsten Spieltag gegen Mainz zu siegen. Dass dies aber eine schwere Aufgabe werden wird, zeigte sich nach den 90 Minuten im Weserstadion deutlich. In der Defensivarbeit wurde zwar seit Funkels Antritt an Sicherheit zugelegt, der Zug nach vorne hingegen fehlt fast komplett.
Die Mainzer werden den Hauptstädtern auch nicht den Gefallen tun, sich bei Kontern so ungeschickt anzustellen, wie die zuletzt strauchelnden Hanseaten. Nach einem solchen Gegenstoß von Gekas, fiel gegen Bremen gar der vermeintliche Führungstreffer, der wegen einer angeblichen Abseitsposition aber keine Anerkennung beim Schiedsrichter Günter Perl fand. Ein weiterer Grund für den Berliner Murrkopf Funkel nach dem Spiel zu granteln, und den verlorenen Punkten wehleidig nachzutrauern.
Wiese wird zum kleinen Blumenmädchen
Fast wäre trotz alledem doch noch ein Remis herausgesprungen. Hauptverantwortlich dafür war Bremens Ego-Konglomerat Tim Wiese, dem die letzten Wochen der Erfolglosigkeit sichtbar zugesetzt haben: Das sonst hautenge Trikot in Größe XXL schlabbert an seinem Körper herab, das Güldene seiner Strähnchen ist verblasst und sogar die Stutzen sind nicht mehr bis zum Ansatz hochgezogen. Kurzum erscheint Wiese im Strafraum momentan eher als kleines Blumenmädchen, das die räudigen Nachbarsjungen mit fipsiger Stimme bittet, nicht in ihr Beet zu treten, denn als kompromisslose Dampfwalze vergangener Tage.
Dessen ungeachtet reichte es für den ersten Sieg seit sieben Bundesligapartien – und das ohne die gegnerischen Fans durch elende Torsongs zu verhöhnen. In Bremen wird seit jeher auf etwaige Shanty-Chöre verzichtet und ganz im Sinne der hanseatischen Tradition nur ein Nebelhorn zum Gruße ausgestoßen. Es bleibt aber abzuwarten, ob dies auch bei den nächsten Heimspielen das einzige Element der Gastfreundlichkeit darstellt.
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