Morgen trifft die Deutsche Nationalmannschaft in  Gelsenkirchen auf die Mannschaft von der Elfenbeinküste. Die Afrikaner sind gespickt mit großen Namen. Doch neben den Eboués, Tourés, Keitas und Kalous ist vor allem Didie Zokora der zentrale Mann im Spiel der Afrikaner. Wir stellen euch den  Mittelfeldspieler vom FC Sevilla vor.
Völlig frei steht der „Maestro“ vor dem Tor. Wunderbar von Robbie Keane in Szene gesetzt, nur noch Petr Cech vor ihm. Es kann, es muss die Entscheidungsein. Selbst für mäßig talentierte Stürmer gleicht dies einer Pflichtaufgabe, doch der „Maestro“ ist kein Stürmer, er wirkt hektisch, fahrig, überfordert und knallt den Ball irgendwie aufs Tor. Die Richtung stimmt, doch an der Feinjustierung hapert’s. Ein unplatzierter Abschluss, der Ball landet in Cechs Gesicht und prallt dem „Maestro“ erneut vor die Füße. Eine zweite Chance, noch besser als die erste, Cech liegt am Boden, das Tor ist leer, die Spurs sind längst zum Torjubel bereit, doch ihr Mann mit der „4“ bringt es tatsächlich fertig, den Ball über den Kasten zu bugsieren.Â
Letztendlich werden die Tottenham Hotspurs dieses League-Cup-Finale gegen den FC Chelsea zwar gewinnen, doch die Hoffnung, dass ihr defensiver Mittelfeldspieler von der Elfenbeinküste, ihr „Maestro“ Didier Zokora, jemals das Tor treffen wird, schwindet ins Utopische. Zwischen 2006 und 2009 spielt Zokora für die Spurs, mehr als 130 mal trägt er das weiße Trikot der Nordlondoner. Ein Treffer jedoch gelingt ihm nie. In seinen drei Jahren an der White Hart Lane wird Zokoras Torlosigkeit zum Running Gag, der Ivorer verspottet als ein hyperaktiver Mittelfeldrenner ohne Übersicht, in Deutschland wäre ihm der Vergleich mit dem „Duracell“-Hasen gewiss. In Frage stellen ihn seine Trainer trotzdem nie, nicht Martin Jol, nicht Juande Ramos, nicht Harry Redknapp. Zokora gehört zu jenen Spielern, deren Wert Trainer viel eher erkennen als Fans. Antizipation ist sein Kapital. Zokora stopft Löcher, die andere nicht einmal erkennen, ist stets dort, wo er zu sein hat, ist ebenso ballsicher wie zweikampfstark.
Â

Didier Zokora ist eine der zentralen Figuren im Spiel der Elfenbeinküste (Bild: Imago)
Â
Fähigkeiten, die nicht vom Himmel fallen. Zokora erlernt sie in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste. Im Nachwuchszentrum des Spitzenklubs ASEC Mimosas wird Zokora für den Spitzenfußball fit gemacht. Nicht nur er, ein Großteil des ivorischen Nationalmannschaftskaders durchlief diese Schule, die 1994 von dem Franzosen Jean-Marc Gillou gegründet wurde. Dass die Elfenbeinküste als derzeit stärkste afrikanische Mannschaft gilt und ihre Spieler von den feinsten Adressen des europäischen Fußballs rekrutieren kann, hängt nicht nur unwesentlich mit dieser fundierten Ausbildung in Abidjan zusammen.
Beinahe bricht Zokora diese Ausbildung ab, 16 ist er, als sein Bruder Armand beim Baden ertrinkt. Eines dieser Ereignisse, das die Bedeutung des Fußballs relativiert. Zokora will aufhören, ein Jahr lang plagen ihn die Gedanken an das Ende einer Karriere, die noch gar nicht begonnen hat. Der Tod seines Bruders nimmt ihm jeden Ehrgeiz. Es ist sein Freund und jetziger Auswahlkollege Kolo Touré, der ihn wieder aufbaut und davon zu überzeugen versucht, auch weiterhin Fußball zu spielen. Zokora macht weiter und lässt sich den Namen seine Bruders auf den Unterarm tätowieren. Vor jedem Spiel küsst er diese Stelle.
Die längste Grätsche der Welt
Nach sechs Jahren bei ASEC verlässt Zokora seine Heimat und landet wie so viele Afrikaner zuerst einmal in Belgien. Dort wird gnadenlos ausgesiebt. Diejenigen, die sich in Belgien behaupten können, machen ihren Weg, für andere wird Europa zum Albtraum. Die Schattenseiten eines Menschenhandels. Zokora gehört zu den Glücklichen dieses Geschäfts, schlägt ein beim RC Genk und wird 2002 belgischer Meister. Die ersten Champions League-Spiele stehen an, sie verlaufen ernüchternd, die „Krönung“ ist ein 0:6 gegen Real Madrid. Insgesamt vier Jahre bleibt der „Maestro“ in Belgien, erzielt sogar ein Tor, der bislang einzige Treffer in der Karriere Zokoras. Ein Meilenstein, wie auch der inoffizielle Rekord für die längste Grätsche in der Geschichte des Fußballs. 7,20 Meter schlittert Zokora beim Spiel gegen den AEK Athen, er heisst, so weit sei noch niemand zuvor gerutscht.
Zokoras Leistungen in Belgien bleiben nicht unbeachtet, vor allem französische Verein sind scharf auf ihn. Es trudeln Angebote ein, aus Auxerre, aus Marseille, Zokora entscheidet sich für den Rekordmeister aus St. Etienne, eine Legende des französischen Fußballs. Er spielt sich auch dort in den Vordergrund und gilt schnell als einer der talentiertesten Mittelfeldakteure der Ligue 1. Zokoras Aufstieg fällt in die Erweckungsphase des ivorischen Fußballs, 2005 gelingt die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland. Trotzdem ist zunächst von anderen Spielern die Rede, von Didier Drogba natürlich, von den Gebrüdern Touré, den Gebrüdern Kalou, Rekordnationalspieler Zokora steht im Hintergrund. Noch, denn bei der WM überzeugt er, auch wenn das Team trotz toller Spiele schon in der Vorrunde ausscheidet. Spitzenklubs balgen sich nun um Zokora, Juventus Turin, Chelsea, Arsenal, ManUnited, später auch Real Madrid. Große Namen, die den „Maestro“ offenbar einschüchtern. Er wählt den Zwischenschritt und geht zu Tottenham. Nicht der ganz große Verein, aber namhaft allemal. Zwölf Millionen Euro ist dieser Deal den Londonern wert. Eine Summe, für die Fans einiges erwarten. Zwar wird Zokora unumstrittener Stammspieler, doch die Anhänger der Spurs entwickeln ein ambivalentes Verhältnis zum Ivorer. Sie widmen ihm ein Lied, eine der höchsten Weihen das britischen Fußballs. Sie lieben ihn für seinen Aufwand , verlachen aber den Ertrag, loben sein Herz, vermissen jedoch sein Köpfchen. Uneingeschränkte Wertschätzung kommt nur von seinen Trainern. Als Juande Ramos Real Madrid übernimmt, will er seinen Ex-Spieler Zokora gleich mitnehmen, doch der Transfer kommt nicht zustande.
Im Sommer 2009 wirbt der FC Sevilla intensiv um die Dienste Zokoras. Erfolgreich. Nach langen Poker unterscheibt Zokora bei den Andalusiern und rechnet subtil mit den englischen Fans, die sein Spiel einfach nicht verstehen wollen, ab. Er begreift den Wechsel nach Sevilla als „enormen Aufstieg“ und stellt die vermeintliche Kunst und Schönheit des spanischen Fußballs über die Aufgeblasenheit und schnöde Kraft des englischen. Harter Tobak, den die Engländer mit einem Blick in die Statistik kontern, denn die Zahlen sind gnadenlos und besagen vor allem eines: Zokora trifft und trifft und trifft nicht.Â
Â
Ein Text von Mathias Ehlers
Kommentare
Kommentar abgeben