Der Fußball beschert uns Wortschöpfungen, die für so manchen Abbücker gut sind. Doch in Zeiten der Transfergerüchte verroht unsere schöne Sprache immer mehr. Mittlerweile werden ganze Wörter ignoriert. Ist das ein Zeichen?
In George Orwells dunkler Zukunftsvision “1984″ verbringt die Hauptfigur Winston Smith sein Tagwerk damit, im Ministerium für Wahrheit Zeitungsberichte an die vom »Großen Bruder« eingesetzte Sprache “Neusprech” anzupassen.

König des "Neusprech": Lukas Podolski (Bild: Imago)
Kernidee der neuen Sprechweise ist es, alle überflüssigen Wörter aus Texten und Aussagen zu streichen, und durch eine vereinfachte Sprechweise zu ersetzen. So werden beispielsweise Wörter wie “mies”, “schlecht” und “unter aller Sau” unter dem Begriff “doppelplusungut” zusammengefasst, jede Form des gedankenlosen Sprechens heißt in “Neusprech” vereinfacht “Quaksprech”.
Seit geraumer Zeit grassiert “Neusprech” auch in den erlauchten Zirkeln der Fußballelite. An ein gewisses Maß an “Quaksprech” hat man sich ja zwangsweise bereits gewöhnt, doch mittlerweile wird schwereres Geschütz aufgefahren. Denn gerade in Zeiten, in denen das Transferfenster so weit offen steht wie so mancher juvenile Hosenstall beim Anblick von Schmuddelfilmen, trifft man allerorten auf das größte Ungetüm aller Quaksprecher: “Ich hab Vertrag”, raunt es aus den Mündern der Spieler, was – übersetzt – jeder Transferspekulation den Riegel vorschieben soll.
Tut das weh?
Es gehört zu den vielen unschönen Begleiterscheinungen dieser hektischen Zeit, dass man an allem sparen muss. Nun also auch an Worten. “Lass zu Mäckes”, blaffte neulich ein pubertierender Junge seine unschöne Aufforderung zum gemeinsamen Besuch eines Schnellrestaurants ins Gesicht seines Gegenübers. König Nicht-Lustig, Horst Schlämmer, wollte sogar Bundeskanzler werden und hätte 18 Prozent der Stimmen bekommen. Und das, obwohl er Rücken hat – und Füße.
Nun stellt sich die Frage, wie das eigentlich ist, dieses “Vertrag haben”? Tut das weh? So wie Kopfschmerzen? Oder Rücken? Ist “Vertrag” letztendlich die schlimmste Verletzung im Fußball? Weg da, ihr weichen Adduktoren! Verschwinde, Syndesmoseband! Niemand braucht euch mehr, ihr seid der Abschaum der Maladitäten. Ab jetzt haben alle Vertrag, und der juckt wie Krätze, eitert wie ein offener Rücken und stinkt wie feuchte Stutzen.
Ein verführerischer Augenaufschlag
Oder schmerzt “Vertrag” vielleicht gar nicht, sondern ist so angenehm wie Feierabend? Den hat man ja auch, und meistens freut man sich sogar darauf, weil man weiß, dass frei ist. Oder man frei hat, so wie man Vertrag hat. Oder eben Freizeit.
Alles falsch, denn schlussendlich ist “Vertrag haben” ein Angebot an alle, doch noch einmal genau hinzuschauen. Denn dann erkennt man, dass es ja auch Spieler gibt, die nicht nur Vertrag, sondern sogar einen Vertrag haben. Der geht dann meist bis 2011/12/13 und hält damit zwar auch nicht länger als eine durchschnittliche Ehe, doch der Vertrag ist weitaus weniger anrüchig als sein artikelfreier Neusprech-Namensvetter. So wird “Vertrag haben” zum verkappten Flirt, zum verführerischen Augenaufschlag am Tresen des Transfermarktes, während die anderen zu Hause mit ihrer Frau und den Kindern Erbsensuppe essen.
Auf geht es, ihr Manager und Spielervermittler! Wer Vertrag hat, ist nicht verheiratet, vielleicht sogar auf der Suche nach einem neuen Partner. Er kann nur nicht offen sprechen, weil er ja irgendwie doch Vertrag hat, zumindest ein bisschen. Aber nun kennt ihr die Signale und wisst, was zu tun ist: Reserviert Tische in sündhaft teuren Restaurants, denn Liebe geht durch den Magen. Bucht Zimmer in luxuriösen Hotels. Whirlpool, Bademäntel und Champagner. Und wenn das Geld dazu nicht reicht, kein Problem, manchmal reicht in diesen Zeiten auch schon ein einfaches: “Lass zu Mäckes.”
Kommentare
Quak am 17.01.10 um 13:53 Uhr
Kein Wunder, Podolski eben!Kommentar abgeben